/ Partie des Monats

Der Torhüter


Der Torhüter, der überhörte Läufer und der richtige Figurentausch - von Martin Fierz

Es ist - aus aktuellem Anlass - wieder mal Zeit für meine Lieblingsthema: Schach und Fussball. Heute bespreche ich den Torhüter, den es im Schach auch gibt. In meinen jungen Jahren wusste ich aber noch nichts davon, und so habe ich die beiden Partien unten denn auch verloren. Ganz im Gegensatz zum Fussball ist aber der Torhüter im Schach ein Läufer, und erst noch ein guter Läufer. Er deckt die Felderschwächen die entstehen, wenn man alle seine Bauern auf die gleiche Farbe stellt. Wer gegen einen solchen Torhüter spielt, hat ein klares Ziel: da die Seite mit Torhüter einen guten Läufer hat, hat sie meistens auch einen schlechten Läufer. Man versucht also, alle Leichtfiguren zu tauschen, bis auf einen eigenen Springer und den schlechten Läufer des Gegners. Danach kann der verbliebene Springer auf den schwachen Feldern dem Gegner auf der Nase herumtanzen. Dies ist übrigens eine direkte Anwendung von Ballmann's Regel auf ziemlich abstraktem Niveau!











(60) Klauser,M (2401) - Fierz,M (2200) [A25]
BVM (1), 14.10.1996

1.c4 e5 In meinen jungen Jahren zog ich noch 1...e5 auf 1. c4. In der Zwischenzeit habe ich mein Eröffnungsrepertoire optimiert und spiele gegen 1. d4 und 1. c4 den gleichen Aufbau mit Schwarz (früher Tarrasch, jetzt Slawisch). 2.g3 Sc6 3.Lg2 g6 4.Sc3 Lg7 5.Tb1 a5 6.a3 Sf6 7.b4 axb4 8.axb4 0-0 9.d3 d6 10.Sd5!? 10. b5 ist üblicher, doch dieser Zug ist durchaus logisch. Weiss nimmt einen Doppelbauern in Kauf, doch dafür kriegt er Druck gegen den Bauern c7. 10...Se7 11.Lg5 Sfxd5 12.cxd5 h6 13.Ld2 Ld7 14.b5 Kh7 [ Hier hätte ich das weisse Konzept stören können: 14...c6!? 15.dxc6 bxc6 16.bxc6 ( gar nicht gut ist 16.b6 da der Bauer b6 nur schwach ist, und Schwarz das Zentrum dominiert.) 16...Lxc6 17.Lxc6 Sxc6 und Schwarz hat keine Probleme mehr, da der Bauernraub mit 18.Dc1 scheitert: 18...Sd4 19.Lxh6 Ta2 20.Lxg7 Kxg7 Schwarz steht trotz Minusbauer besser, da sich Weiss kaum entwickeln kann. Aber in den schon genannten jungen Jahren spielte ich eben anders...] 15.Db3 f5 16.Sf3 g5 vorwärts! eben, da war ich noch jünger... 17.h3 Sg6 ich erwartete nun die kurze Rochade und einen Wettlauf der beiden Seiten: von mir Richtung König, von ihm Richtung c7. Doch Markus findet eine interessante Idee: 18.g4!? das hat mich ganz aus dem Konzept gebracht und meine Stellung zerfällt in wenigen Zügen 18...fxg4? wieso genau öffne ich die h-Linie für Weiss? 19.hxg4 Sf4 20.Lxf4 Txf4? der Läufer auf g7 ruft zwar von der Seitenlinie, aber ich höre nicht auf ihn. In "The Seven Deadly Chess Sins" empfiehlt Jonathan Rowson, man solle mit seinen Figuren sprechen. Hätte ich das nur getan! [ nach 20...exf4! scheint Schwarz etwas besser zu stehen. g4 ist schwach, und der Lg7 ist plötzlich zum Tier geworden. Ausserdem habe ich das Läuferpaar.] 21.Sh2 Le8?! [ schlecht ist 21...Lxg4? 22.e3 Tfa4 23.Le4+ Txe4 24.dxe4 Lh3+/- ; doch ganz spielbar war noch 21...Tfa4 22.Le4 Kg8 ] 22.Le4+ Lg6?+- au weia! es steht zwar schon schlecht um Schwarz, doch der Le8 war eben der Torhüter des Felds f5 und durfte keinesfalls getauscht werden. Die Partie ist vorbei! es geht zwar noch ein paar Züge, bis der Springer auf f5 steht, aber dorthin kommt er ebensosicher wie das Amen in der Kirche! 23.f3 Lxe4 24.dxe4+- Tf7 25.Sf1 Df6 26.Se3 Df4 27.Sf5 Txf5 Verzweiflung angesichts von Ideen wie Kf2 und Turmverdopplung auf der h-Linie 28.gxf5 Lf6 29.Dc3 Tc8 30.Dc1 Dg3+ 31.Kf1 Kg7 32.De3 Th8 33.Tc1 Ld8 1-0













(123) Hug,W (2496) - Fierz,M (2236) [D02]
ZMM, 28.01.1999

1.d4 e6 2.Sf3 c5 3.c3?! Werni (und seine Jünger) spielen mit Weiss bekanntlich so langweilig wie es nur geht (3.e4!). Nach solchen Zügen kann Weiss natürlich nicht auf Vorteil hoffen, ausser wenn der Schwarzspieler nichts versteht... 3...d5 4.Lf4 Sc6 5.e3 Sf6 6.Sbd2 Le7?! ...und er versteht tatsächlich nichts! Dieser passive Zug gibt dem Weissen genau das was er will: die totale Kontrolle ueber das Feld e5. Besser war [ 6...Ld6 das um die Kontrolle von e5 kämpft] 7.Ld3 0-0 8.0-0 b6 9.Se5 Lb7 10.Df3 so einfach soll Schach sein? 10...Sd7 11.Dh3 f5 wenn Schwarz solche Züge machen muss, kanns natürlich nicht mehr gut um ihn bestellt sein. 12.Sxd7 Dxd7 13.Sf3 Lf6? [ 13...a6 war besser, wir sehen gleich wieso] 14.g4 g6 15.g5 Lg7 ich weiss noch, dass ich mich hier eigentlich ziemlich wohl fuehlte. Es ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich wie Weiss weiterkommen wird, ein direkter Sturmlauf gegen den schwarzen Koenig mit Dh3-g3, Kg1-g2, h4-h5 und Th1 ist ziemlich langsam, und ausserdem droht dann noch gar nichts. Ich kann hingegen mit Schwarz mal am Damenflügel expandieren. Der naechste Zug von Weiss hat mich dann aber aus meinen Traeumen geweckt 16.Lb5! Werni sieht in seinem geistigen Auge schon die Stellung die nach Lxc6 und Le5 mit nachfolgendem Tausch der schwarzfeldrigen Laeufer entsteht. 16...De7 Vielleicht merkt er's ja nicht und nimmt nicht auf c6 - gegen Werni natuerlich nutzlos... 17.Lxc6 Lxc6 18.Dg3 Tad8? Grauenhaft! Das erlaubt den Tausch des Torhüters, danach ist die Partie vorbei. [ 18...Tfc8 19.Le5 Lf8 ist natürlich auch nicht schön, aber es ist nicht halb so schlimm wie die Partie] 19.Le5! So einfach kann Schach sein! Werni hat die richtigen Leichtfiguren getauscht und steht auf Gewinn. 19...Lb5 20.Tfe1 Lxe5 21.Sxe5 f4? Verzweiflung, die alles noch schlimmer macht. Anstelle der erhofften Schwaeche von Weiss auf f4 ergibt sich nur eine auf e6 bei mir... Allerdings ist guter Rat hier schon teuer. Weiss droht mittels h4-h5, Kg2 und Verdoppelung der Tuerme auf der h-Linie quasi von selbst zu gewinnen. 22.exf4 der Rest bedarf keines Kommentars. 22...Tf5 23.Sg4 Kh8 24.Sh6 Tff8 25.Tad1 Ld7 26.h4 Tc8 27.Te5 cxd4 28.Txd4 Tc4 29.De3 Dg7 30.Sg4 Lc8 31.Kh2 b5 32.Kg3 a5 33.Txc4 bxc4 34.Dc5 1-0



Erzeugt mit ChessBase 8.0